Interview mit Stefan Lagleder von CHALICE


MCR:  Stefan, da wir aus Aschaffenburg kommen und ihr erst kürzlich mit Chalice als Vorband von Michael Schenker im Colos-Saal wart, natürlich die erste Frage:  Wie fandest du den Abend aus Deiner Sicht ?

Stefan: Der (oder das?) Colos-Saal ist schlicht und einfach einer der allerschönsten Läden, die wir kennen, und wir kennen schon so ein paar quer über Europa verstreut ! Wir waren hier mit Saga, mit Doro, Uriah Heep und Tesla, und jedesmal war es eins der Highlights der Tour. Wo gibt's das, dass schon die Support-Band vor ner restlos vollen Hütte spielt? Die tolle Bühne, die Enge im Publikum, der Sound, das Wissen, dass hier schon die Größten gespielt haben und vor allem die immer warmherzige Aufnahme von den Leuten, hey ihr habt da was ganz Besonderes! Das einzig Blöde ist, dass die Tour an dieser Stelle zuende ist, bevor sie noch richtig begann... aber wer weiß, vielleicht sehen wir uns nächstes Jahr wieder?!

Also, kurz zusammengefasst: es war ein Super-Abend für uns, auch wenn technisch stellenweise noch etwas Sand im Getriebe war. Der perfekte Tourstart eigentlich, denn an ersten Abenden zurrt und zerrt sich immer erst noch alles ein bisschen zurecht... jetzt sind wir soweit! 


MCR: Stimmt es, daß ihr nur diese einzige Show für Schenker eröffnet habt ? Seid ihr deswegen extra von Hamburg nach Aschaffenburg gefahren ?

Stefan: ... und wieder zurück ! Allerdings erst am nächsten Tag. Vorher gab's noch unser beliebtes Chaos am Merchandising-Stand, ne ausgedehnte Backstage-Party und eine Nacht im Hotel, wobei wir glatt vergessen haben, den Fernseher aus dem Fenster zu werfen... glaub mir, wir wären sehr gern auf der Tour geblieben, aber es gab diesmal leider nur die eine Show! Michael Schenker und seine Jungs sind eigentlich mit ner anderen Band unterwegs, wir konnten uns nur kurz dazwischen schummeln. Nächstes Jahr gibt's hoffentlich mehr... 


MCR: Ok. Klingt nach Stress. Ihr habt u. a. während eurer Show auch neue Songs des kommenden Albums gespielt. Dieses erscheint im Frühjahr 2015. Wie weit ist das neue Album eigentlich ? Sag nicht, es wäre schon fertig....

Stefan: Es ist tatsächlich fertig! Es heißt "Overyears Sensation", kommt am Freitag, den 13. Februar in den Handel und wir können es nicht erwarten, damit auf Tour zu gehen. Um ehrlich zu sein, haben wir in Aschaffenburg nur neue Songs plus einen von der letzten Scheibe gespielt. Wir konnten es riskieren, weil die Leute mit dem alten Material vermutlich auch nicht wirklich vertraut gewesen wären. Und so konnten wir das neue Zeug gleich auf "Live-Tauglichkeit" testen 


MCR: Aber, wenn das neue Album denn schon fertig ist, warum dauert es noch so relativ lange, bis es erscheint ?

Stefan: Ach, Du weißt doch, das Business. Bis nach den Aufnahmen alles wirklich fertig ist mit Artwork, GEMA etc. (ich hab selber gar keine Ahnung, was da noch alles gemacht werden muss), und Du brauchst natürlich noch einen gewissen Vorlauf für Promotion-Aktivitäten und all diese Dinge. Wir haben mit Keiler Records ein super-engagiertes Team hinter uns, und die waren auch der Meinung, lieber vernünftig vorbereitet im Februar rauszugehen als in aller Hektik jetzt zu kommen und dann vielleicht im Weihnachtsgeschäft unterzugehen. Aber Du wirst sehen, das Warten hat sich gelohnt! 


MCR: Das glaub' ich gerne, wenn man die Songs bereits gehört hat. Zumindest live auf der Bühne. Wie du schon gesagt hast, heißt das neue Album "Overyears Sensation". Man spricht immer von einer Overnight Sensation, wenn urplötzlich jemand im Licht erscheint. Aber wer oder was ist die Overyears Sensation ? Am Ende vielleicht noch ihr selbst ? Immerhin gibt es euch schon ein paar Jährchen....wie lange eigentlich ?

Stefan: Hey Hey, Du hast da einen ziemlich guten Interpretationsansatz gefunden ! Die Overyears Sensation steht tatsächlich im Gegensatz zur Overnight Sensation für das, was sich über die Jahre hinweg durchsetzt und dessen Qualität schließlich doch noch erkannt wird. Wie z.B. auch eine Band, nennen wir sie mal Châlice, die eigentlich immer schon da war (der Ursprung war tatsächlich eine rotznäsige Schülerband in den späten Achtzigern des letzten Jahrtausends!), und die jetzt endlich als Sensation erkannt wird. Oder jedenfalls als ganz ok.


MCR: Dann wären wir also endgültig beim neuen Album angekommen. Was erwartet uns musikalisch auf Overyears Sensation ?

Stefan: Tja, was erwartet Euch? Unsere klassischen Trademarks sind harte Beats mit überirdischen Melodien, raue Rhythmen mit nem Hang zu zerbrechlicher Schönheit, totaler Wahnsinn mit nem guten Schuss erdigem Rock'n Roll. Oder so... Diesmal haben wir halt von allem ein bisschen mehr genommen, deswegen sind die Beats noch treibender, aber die Melodien dafür  noch schöner. Wir haben uns ordentlich Zeit gelassen mit unserer 7. CD, weil wir ne richtig fette Produktion abliefern wollten und unsere klassischen Erkennungsmerkmale in einen modernen Sound kleiden wollten, damit es auch hinhaut mit der "Overyears Sensation"... 


MCR: Ich kenne zwar nicht alle eurer Songs, aber ich finde auch, daß Chalice trotz aller Melodien nie in Kitschiges abdriftet, was bei dieser Art von Musik ja leicht passieren kann. Dies ist meiner Meinung nach einem guten Songwriting geschuldet. Wer schreibt denn bei euch die Songs, alle zusammen oder gibt es einen Hauptsongwriter ?

Stefan: Vielen Dank für das Kompliment! Wir schreiben tatsächlich alle, mehr oder weniger. Meistens kommt Oli, unser Gitarrenheld, mit einem Riff an, oft hat Axel ne Akkordfolge am Start oder ich hab was auf der Akustischen gezimmert. Auch Micha, der Drummer, ist schon mit gesungenen Melodien oder halt Beats angekommen, und Gino entwickelt neben den Texten auch viele der Gesangsmelodien. Wichtig ist, dass Jeder ohne Scheuklappen mit allen möglichen Ideen ankommen kann, und dazu brauchst Du natürlich schon eine gewisse Chemie in der Band. Und Nerven wie Drahtseile, denn manchmal erkennst Du Deine Idee nicht wieder, wenn sie von den Jungs durch den Wolf gedreht wurde. Aber am Schluss schaffen wir's doch irgendwie, dass alle mit dem Ergebnis happy sind, und so ergibt sich in der Regel unsere Mixtur aus Melody Metal (vorwiegend Oli und Gino) und nem Schuss Rhytm'n Blues (eher Axel und ich). Spontane Änderungen nicht ausgeschlossen... 


MCR: Könnte diese Mixtur auch der ausschlaggebende Punkte sein, daß ihr schon mit unterschiedlichsten Bands on Tour wart ? Jetzt mit Schenker, aber vorher glaube ich unter anderem auch mit Saga und anderen ? Wie kommt ihr denn bei solch unterschiedlichem Publikum an ?

Stefan: Stimmt, wir waren unterwegs mit Saga, Uriah Heep, Nazareth, Doro, Deep Purple, Tesla, Alice Cooper, um nur einige zu nennen. Und immer war's cool, entweder die jeweiligen Fans sind sehr tolerant, oder es ist wirklich unsere Bandbreite, die uns mit vielen Leuten kompatibel erscheinen lässt. Wahrscheinlich ist es von beidem etwas. Speziell mit Doro und Uriah Heep hat sich wirklich eine Art Freundschaft entwickelt, die haben beide auch eine extrem treue Fangemeinde, und es scheint, als hätte die uns inzwischen auch schon ein wenig ins Herz geschlossen. Es ist jedenfalls immer sehr lustig, wenn wir uns mal wieder irgendwo über den Weg laufen... 


MCR: Kannst du uns schon etwas darüber sagen, wie und ob neue Auftritte geplant sind ?  Gibt es eventuell gar schon Anfragen von anderen Künstlern euch mit auf Tour zu nehmen ?

Stefan: Na ja, die Anfragen gehen doch eher meistens von unserer Seite aus.  Aber natürlich gibt's im nächsten Jahr eine ganze Menge interessanter Tourneen, auf die wir nur zu gerne raufspringen  würden. Fix ist aber bis jetzt nur unsere Release-Party am 6. Februar im St. Pauli-Rockcafé Hamburg. Ein Heimspiel also eine Woche, bevor die Scheibe offiziell in die Läden kommt. Aber ich darf verraten, dass wir das gute Stück dort bereits am Start haben werden! Und wenn alles gut läuft, dann ist das der Startschuss für ein bewegtes Jahr, in dem wir hoffentlich viel unterwegs sein werden, um das Baby zu präsentieren! 


MCR: Mal was anderes....ich meine, daß du mal erwähnt hast, daß ihr neben Chalice verständlicherweise auch noch zivilen Jobs nachgeht. Wie einfach oder schwer ist es für euch, den Beruf mit der Band unter einen Hut zu bringen, gerade wenn ein neues Album oder eine Tour ansteht ?

Stefan: Das ist schon schwer, aber da sind wir natürlich auch beinhart, weil wir wissen, wie wichtig uns das ist. Ich hatte damals z.B. gerade meinen Bürojob angefangen und war mitten in der Probezeit, als wir plötzlich die Chance hatten, 4 Wochen mit Saga quer durch Europa zu touren. Ich hab also zu meinem Arbeitgeber gesagt, Leute, ich muss das machen, ihr könnt mich jetzt direkt wieder feuern oder ihr macht den Wahnsinn mit. Bis jetzt hat es immer irgendwie funktioniert, aber natürlich wär's leichter, wir müssten nicht ständig den Spagat schaffen, sondern könnten uns nur auf die Musik konzentrieren. Na ja, ihr kennt das Geschäft ja auch, es ist für ne nicht etablierte Band kaum möglich, nur davon zu leben. Inzwischen haben wir unseren Frieden mit der Situation gemacht. Es dauert zwar alles etwas länger, aber dafür sind wir nicht gezwungen, irgendwelche faulen Kompromisse einzugehen, weil irgendjemand sonst den Geldhahn zudrehen könnte. Die Knete, die wir hier reinstecken, muss halt woanders herkommen. Aber ich will nicht jammern, das geht ja wirklich auch Größeren als uns nicht anders! 


MCR: Da ihr ja schon recht lange im Geschäft und mittlerweile ja auch begnadetet Musiker seid, gibt es doch sicher auch die Möglichkeit in diesem Business den ein oder anderen Euro nebenher zu verdienen (Projekte, Unterricht, Management etc.). Hat jemand von euch nebenher denn ein Musikprojekt laufen, oder anders gesagt, nimmt man noch anderer Aufgaben in der Musikbranche wahr ?

Stefan: Also, es ist wahrscheinlich ganz gut, dass ich nicht versuche, irgendjemandem was beizubringen, ich hab mir den Bass nämlich selbst ziemlich unkonventionell beigebracht:-) Management, das ist so eher das Ding von Gino, unserem Sänger. Oli und ich spielen ab und zu spaßeshalber in anderen Bands mit, und
Axel, den Keyboarder, kannst Du tatsächlich mit jeder beliebigen Formation ins Studio oder auf die Bühne stellen, und es wird immer gut klingen. Insgesamt betrachtet sind wir aber sicher nicht sooo begnadet, dass wir das Business durch unsere schiere Qualität aufmischen könnten. Was uns auszeichnet, ist eher das Zusammenwirken dieser 5 verschiedenen Gestalten mit all ihren verschiedenen Ansätzen, ihrer Kreativität und dem Willen, daraus was dauerhaftes zu schaffen. Kurz gesagt: Oli haut das Riff raus, Gino singt sich die Seele aus dem Leib, wir anderen legen unser Fundament, und dann ist es Châlice. An guten Tagen mit der gewissen Châlice-Magie:-) 


MCR: Wie oft trefft ihr euch eigentlich um gemeinsam zu musizieren ? Und trefft ihr euch auch privat desöfteren oder geht ihr euch nach all den langen Jahren zunehmend auf den Geist, ha ha ?

Stefan: Tatsächlich sind das die einzigen Leute, die ich auf Dauer ertragen kann:-)

Im Ernst, wir machen das jetzt wirklich bald ein Vierteljahrhundert, wir haben soviel zusammen durchgestanden, wir haben soviel unglaublichen Mist zusammen erlebt, aber auch soviele Highlights, Frauen sind gekommen und gegangen, aber wir sind immer noch zusammen auf dem Trip!  

Das machst Du in dieser Intensität nicht, wenn Du Dich nicht wie Pech und Schwefel verstehst. Es soll ja Bands geben, die zu den Shows in getrennten Limousinen vorfahren. Das wird bei uns eher nicht passieren, schon weil die Knete nicht mal für eine Limousine reicht. 

Ich glaube, Du siehst bei uns, dass wir Spaß an dem haben, was wir tun, und das liegt zum einen natürlich an der Musik selbst, aber zum anderen auch daran, dass jeder von uns dieses Abenteuer zusammen mit seinen Freunden erlebt.  

Ich wüsste gar nicht, wen ich außerhalb dieses Mikrokosmos anrufen könnte, ohne dass der sagen würde: "Hey, Du hast Dich die letzten 20 Jahre nicht gemeldet, was willst Du denn jetzt plötzlich?"

Wie oft wir uns zum Musizieren treffen?

Kommt drauf an, was so ansteht, im Augenblick ein bisschen öfter, denn am 06.02. ist ja unsere Release-Party, und wir wollen da auch ein paar Songs aus dem Hut zaubern, die wir ewig nicht gespielt haben, vergessene Perlen sozusagen:-)

Aber in der Regel dauert es ein bisschen, bis wir zu den Instrumenten greifen, denn es gibt halt auch immer viel zu quatschen... und solange wir miteinander reden, ist alles gut!


MCR: Habt ihr Euch für die Release Party was spezielles ausgedacht ? Wo findet die überhaupt statt ?

Stefan: Ja klar, es gibt jede Menge Überraschungen, eine davon hat ein bisschen was mit dem Cover zu tun. Inwieweit es sich tatsächlich durchführen lässt, müssen wir allerdings noch checken. Verraten hab ich ja schon, dass wir ein paar alte Songperlen im Gepäck haben werden, die von den Die-Hard-Fans immer gefordert, aber in den letzten Jahren von uns nicht gespielt wurden, da wir vor allem heiß auf die neueren Sachen waren. Aber jetzt ist es soweit!

Zusätzlich gibt´s natürlich die neue CD zu kaufen, das ist jetzt vielleicht keine so große Überraschung, aber es sollte nicht unerwähnt bleiben. Immerhin ist die offizielle Veröffentlichung ja erst eine Woche später. Und klar signieren wir die Dinger, und wir quatschen mit den Leuten und und und... ihr habt ja auch schon bemerkt, dass unser Chaos am Merchandising-Stand schon sprichwörtlich ist:-) Ach, und hab ich erwähnt, dass wir das neue Baby natürlich auch live präsentieren werden, und zwar von der ersten bis zur letzten Sekunde?  

Du siehst, man kann eigentlich nur hingehen! Also, wir sehen uns dann am 06.02.15 gegen 21 Uhr mitten auf dem Kiez in Hamburg, im Rock Café St. Pauli, Silbersackstr. 27!


MCR: Ok. Dann schauen wir mal erwartungsfroh in Richtung neues Album und diesem Event....zum Abschluß:  Fällt dir noch etwas ein, was du unseren Lesern mitteilen möchtest, dich bisher aber nicht getraut hast zu erwähnen, ha ha ?

Stefan: Nee, Du hast schon alles aus mir rausgekitzelt. Vielen Dank für die guten Fragen, und auf eine baldige Wiederholung, vielleicht, wenn die Scheibe da ist?! Ansonsten begegnet ihr uns jederzeit auf www.chalice.de und auf Facebook und und und... bis bald, ihr Lieben! Rock'n Roll!!!